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Dienstag, 1. Mai 2012

Zeitenwende


Wir sind zurück in Aswan. Ein riesiger Granitriegel ist hier vor Jahrmillionen entstanden, durch den sich der Nil hat durchfräsen müssen, weshalb der Katarakt entstanden ist, und aus dem alle Standbilder und Obelisken des alten Ägypten geformt wurden, für die dieser harte Stein genommen wurde. Noch heute kann man den Steinbruch von damals besichtigen. Dieser Obelisk wurde nie fertiggestellt, es wäre der größte und schwerste der Antike geworden. Rechts oben erkennt man die Reste des Kanals, der damals mit dem Nil verbunden war. So weiß man heute, wie diese schweren Brocken bis ins Nildelta gebracht werden konnten.
Auf einer Insel im Stausee zwischen dem alten und dem neuen Damm besuchten wir die Tempelanlage von Philae. Diese entstand, nachdem Alexander der Große Ägypten erobert hatte. Auch die Römer haben die Anlage nach der Zeitenwende noch ergänzt. Sie bauten diesen Trajans-Tempel, der auch „Bett des Pharaos“ genannt wird. Er setzt in seiner Bauweise die ägyptische Kultur fort, wirkt aber durch die Säulenanordnung luftiger.
An dem Isis-Tempel (Isis = Osiris‘ Frau) kann man sehr gut erkennen, dass die Griechen und Römer die ägyptische Mythologie im Prinzip übernommen haben, die Hierarchie der Götter mit Zeus oder Jupiter anstelle von Atum an oberster Stelle und auch die Relieftechnik fast unverändert blieb. Die Christen (Kopten) funktionierten diesen Tempel dann zur Kirche um, zerstörten zahlreiche Reliefs (siehe links) und meißelten ihr koptisches Kreuz in den Stein. Damit wurde die Zeitenwende dokumentiert.
Die Kopten haben in Ägypten auch heute noch die Stellhebel der Macht in der Hand und verfügen deshalb über ausreichende finanzielle Mittel. Das sieht man dieser großen koptischen Kirche in Aswan an, die an prominenter Stelle über der Stadt thront.
Am Abend wird es laut vor unserem Hotelzimmer. Von dem kleinen Balkon sehe ich rd. 200 Männer, die die Straße blockieren, Steinplatten vom Bürgerstein heraus hebeln und zertrümmern und heftig diskutieren. 300 m weiter baut sich eine Polizeitruppe auf. Dann fallen Schüsse und Reizgaspatronen fliegen durch die Luft. Ätzender Rauch steigt zu mir hoch: Tränengas. Eine Stunde später ist es wieder ruhig auf der Straße. Der Protest hatte sich formiert, um die Behörden auf den Versorgungsnotstand bei Propangasflaschen hinzuweisen, die hier zum Kochen benötigt werden. So erlebten wir die ägyptische Revolution hautnah und fragen uns, ob sich auch hier eine Zeitenwende anbahnt.

1 Kommentar:

  1. Und schon wieder ein neuer Eintrag! Es scheint spannend zu bleiben, in der alten und der gegenwärtigen Geschichte!

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